Business Ghosting

Wenn Geschäftspartner ohne ein Wort zu sagen verschwinden, dann wundert man sich schon einigermaßen darüber. Zuvor hat man über Jahre zusammen ein Projekt aufgebaut, Höhen und Tiefen durchschritten, sich gemeinsam über Erfolge gefreut und aus Fehlschlägen gelernt. Und dann: Stille und Ausschluss.

Ghosting ist der abrupte, erklärungslose Abbruch jeglichen Kontakts.

In mehreren Jahrzehnten Berufsleben, habe ich so etwas leider schon erleben müssen. Gefühlt zu oft. Und oft auch mit Wehmut, denn es sind teilweise richtig schöne Projekte, zu denen ich leider den Kontakt verloren habe.

Ursachenforschung

Ich denke hier gibt es nicht eine Ursache sondern eher viele, teils auch vielschichtige. Nur um einige Beispiele zu nennen:

  • Änderungen am Unternehmensziel
  • Änderungen in internen Abläufen
  • Änderungen beim Personal
  • Umzüge
  • Insolvenz
  • Polikrisen

Es gibt sicherlich noch weit mehr Gründe. Allerdings ist fraglich, ob diese zum Ghosting wirklich berechtigen. Für mich ist es auch ein fehlender Respekt gegenüber Dienstleistern, die einem geholfen haben das eigene Unternehmen voranzubringen.

Fallbeispiele

Ich möchte gerne über ein paar Beispiele aus meinem Arbeitsleben berichten. Aus solchen kann man durchaus selbst lernen.

Der stille Panikmacher

Onlineshops, die gut laufen, sind auch für mich als Entwickler eine Freude. Ich habe schon einige erstellt und betreue auch sehr viele davon weiterhin. Bis auf dieses Beispiel hier.

Der Geschäftsführer hatte so seine Phasen. Mal war er panisch, wenn der Shop auch nur ein paar Millisekunden nicht erreichbar war. Ein andermal war er es, weil die Indizierung durch Suchmaschinen noch nicht optimal lief oder wegen der Übertragung zu seiner Warenwirtschaft. Per E-Mail kam er sehr direkt rüber, am Telefon aber wiederum extrem freundlich. Gegensätze, die sich einprägen.

Da sein Shop schon etwas an die Leistungsgrenzen vom Hosting kam, habe ich ihm ein Angebot für ein wesentlich performanteres geschickt. Er hätte es sich, auf Grund des Umsatzes, den er monatlich machte, locker leisten können. Doch nach dem Angebot kam erstmals seit Jahren nichts. Kein Danke, keine E-Mail, kein Anruf. Stattdessen merkte ich nach einigen Wochen, dass mein Backend-Zugang von einem Administrator zu einem Shop-Kunden umgewandelt wurde. Und schon fühlte ich mich geghosted ..

Im ewigen Sabbatical

Ein Selbstständiger hatte nach Jahren der Planung einen Weg zur Finanzierung seines Herzensprojektes gefunden und mich mit der Umsetzung beauftragt. Es war mir eine Freude mit ihm zusammen das Projekt aufzubauen. Nach Fertigstellung blieben wir in losem Kontakt. Bereits nach kurzer Zeit war zu sehen, dass seine Idee durchaus erfolgreich war. Ich unterstützte gerne weiterhin z.B. bei regelmäßigen Aktualisierungen.

Nur wenige Monate nachdem Live-Gang schickte ich eine meiner üblichen E-Mails nach Aktualisierungen und bekam völlig unerwartet den Autoresponder: „Ich befinde mich im Sabbatical. E-Mails lese ich nach meiner Rückkehr.“

Ein frisches Projekt, als Selbstständiger erfolgreich umgesetzt – und er geht erstmals ins Sabbatical. Normalerweise dauert das maximal ein Jahr. Ok, dachte er wird sich wieder melden, fragte mich aber auch gleichzeitig, wer sich in der Zeit um das Projekt auf seiner Seite kümmert. Ich schickte immer wieder E-Mails wegen den vorgenommenen Aktualisierungen und bekam außer dem Autoresponder keine Antwort. Auch nach einem Jahr nicht. Auch nach 2 Jahren nicht. Nach Ende des 2. Jahres (ja, ich bin sehr geduldig) versuchte ich mal den direkten Kontakt und landete in der Mailbox mit der gleichen Sabbatical Ansage wie in der E-Mail.

Ich weiß bis heute nicht, was aus ihm geworden ist. Ich hoffe es ist nichts schlimmes passiert. Das Projekt ist weiterhin online, nachdem nach rund 26 Monaten erstmals die Rechnungen zu den Aktualisierungen nicht mehr beglichen wurden, habe ich nach Info per E-Mail auch diese von meiner Seite aus eingestellt. Auch hier fühlte ich mich geghosted ..

Das fluente Unternehmen

Die allermeisten Unternehmen durchleben einen steten Wandel. Klar: ohne Wandel kann man nicht mit der Zeit gehen und somit auch Erfolge sichern. Wer über Jahre an den gleichen Abläufen festhält, könnte irgendwann unter die Räder kommen.

Selten habe ich jedoch ein dermaßen sich änderndes Unternehmen erlebt, wie in diesem Fallbeispiel. Innerhalb von nicht mal 2 Jahren hatte ich 4 Ansprechpartner. In der gleichen Zeit wechselten 2 der 4 Geschäftsführer beim Kunden. Mit dem vierten Ansprechpartner hatte ich noch ein interessantes Relaunch-Gespräch für eines der gemeinsamen Projekte. Er wollte sich melden um mir mitzuteilen, ob er dazu ein ausführliches Angebot wünscht. Es kam nie eine Antwort. Ja, kennt man durchaus. Abhaken und weitermachen. In dem Fall aber schwierig, da wir laufende Verträge zur Betreuung der Projekte hatten.

Ich kümmerte mich entsprechend der Verträge und Vereinbarungen weiter um Aktualisierungen an den Projekten. Dazu schicke ich auch immer eine E-Mail als Info an diesen Ansprechpartner, was wann wo getan wurde. Irgendwann kam auf eine dieser E-Mails die Meldung „Der Empfänger hat ihre E-Mail abgewiesen“ zurück. Klingt sehr nach aktiver Filterung, aber ich bin mir dessen unsicher, da es auch einfach eine falsche Einstellung am Mail-Server sein könnte. Meine E-Mail ging daher dann an die info@, von der ich allerdings auch nie wieder eine Antwort erhielt.

Irgendwann merkte ich, dass eines der Projekt komplett neu erstellt worden war. Ok, hab die anderen Projekte wie gewohnt weiter betreut und die info@ informiert. Nach einigen weiteren Wochen waren plötzlich die meisten anderen Projekte abgeschaltet. Ja, richtig abgeschaltet – nicht umgezogen. Und ich erhielt keinerlei Meldung dazu. Die Verträge bestehen weiterhin, aber ich kann nichts machen um diese zu erfüllen. Auch lag keine Kündigung vor, gleichzeitig wurden aber auch alle Rechnungen bis heute bezahlt. Und schon fühlte ich mich auch hier geghosted ..

Gegensteuern

Wie verhindert man nun so etwas? Wie man an o.g. Beispiele sieht, kann es jedem jederzeit passieren. Man kann versuchen durch eigene Interaktionen mit den Kunden die Wahrscheinlichkeit, dass es passiert, zu verringern – und auch, dass man selbst hieran Schuld ist. Ein möglichst regelmäßiger Kontakt kann hilfreich sein, ebenso wie eine durchgehend hohe Qualität der eigenen Leistungen. Eigentlich alles selbstverständlich, nur nicht für jedes Unternehmen.

Auch sollte man nicht nur das Ghosting von anderen beachten, sondern auch das eigene Verhalten. Ghostet man selbst gerade jemanden? Absicht oder Unabsichtlich? Denkt mal direkt darüber nach und meldet euch – es ist völlig ok, sich auch nach einiger Auszeit zu melden.

Der Umgang damit

Oft spricht man das nicht an, aber solche Ereignis prägen natürlich auch die eigene Psyche. Erst sind es Mikroenttäuschungen; irgendwann nagt es am Selbstbewusstsein. So weit sollte man es aber nicht kommen lassen.

Ja, die Projekte haben Spaß gemacht. Ja, die Leute waren nett. Und ja, man vermisst etwas. Aber es geht weiter. Man hat ständig neue Herausforderungen vor sich, kann neue Menschen kennenlernen, Spaß an neuen Themen haben und neue Projekte erfolgreich machen. So wie diese Unternehmen, die einfach ghostend gehen, sollte man sich selbst weiterentwickeln und zu neuen Ufern aufbrechen, wenn es notwendig erscheint – dabei aber niemals selbst ghosten.